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Aktuelles Projekt:
Welcome to the family! rbb/MDR/Deutschlandradio Kultur Feature Redaktion: Gabriela Hermer „Welcome to the family”, schrieb mir ein gewisser Jonathan Stanley. Nach 16 - jähriger Recherche, dem Schicksal meines Großvaters auf der Spur, erhielt ich diese Nachricht aus London. Kurz nach dem Tod meines Vaters 1993 hatte mir meine Mutter „gestanden”, dass meine Vorstellung von ihrer und meiner Herkunft nicht der Wahrheit entspräche. Meine Mutter war am 19.November 1931 als uneheliches Kind im Jüdischen Krankenhaus in Berlin zur Welt gekommen. Zwei Jahre später, so erfuhr ich jetzt, hatte ihr Vater Mutter und Kind verlassen, ohne Abschied und ohne sich je wieder gemeldet zu haben. Meine Mutter wuchs in Berlin Tiergarten auf. Erst als ihr der Übergang aufs Gymnasium aufgrund ihrer Herkunft verwehrt wurde, erfuhr sie von meiner (inzwischen neu verheirateten – nicht jüdischen) Großmutter, dass ihr leiblicher Vater 1933, nicht zuletzt auf Druck seiner Eltern nach Palästina ausgewandert war. Eine Kindheit voller Gefahren, Verheimlichungen und dem ewigen Gefühl, irgendetwas verstecken zu müssen, begleitete sie fortan. 1951 heiratete meine Mutter einen 20 Jahre älteren ehemaligen Wehrmachtsoffizier – meinen Vater. Er wusste um ihre Geschichte, ohne je viel danach zu fragen. Ihr fortan beschütztes, fast behütetes Leben in Süddeutschland hatte möglicherweise dazu geführt, dass sie dieses Geheimnis über Jahrzehnte mit sich herumtrug. Sie wollte uns schützen, hatte sie uns Kindern später auf die Frage nach dem „Warum” geantwortet. Die Frage, warum ich mich nach fast 70 Jahren auf die Spurensuche begab, die zu einer Odyssee voller Überraschungen wurde, habe ich mir oft gestellt.
An ein erfolgreiches Ende dieser Suche hatte ich nach 16 Jahren kaum mehr geglaubt – bis durch eine Verkettung von Zufällen zwei Frauen (und deren weitverzweigte israelische und englische Familie) auftauchten, von deren Existenz weder meine Mutter noch ich zuvor etwas wussten:
Nurit aus Tel Aviv, die 70jährige Halbschwester meiner Mutter und Dorothea, die 79jährige Halbcousine aus London.
Nurit, die Tochter meines Großvaters, wurde bereits in Israel geboren. Sie wuchs mit dem spürbaren, doch nie ausgesprochenen Geheimnis ihres Vaters auf. Deutschland stand – und steht – sie kritisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüber. Bis vor kurzem wusste sie nicht, dass in dem Land, aus dem ihr Vater und ihre Großeltern geflohen waren, eine zehn Jahre ältere Halbschwester lebt.
Dorothea, die Cousine meiner Mutter entkam, gerade 7-jährig im Januar 1939, in letzter Minute, mit ihren Eltern nach England. Sie war lebensgefährlich an Windpocken, gefolgt von einer schweren Blutvergiftung erkrankt. Nach einer Notoperation hatte man sie bewusstlos auf die „SS-Bremen” gebracht.
Berlin hat sie als traumatischen Ort in Erinnerung. Auch sie hat bis vor kurzem von ihrer Cousine in Deutschland nichts gewusst.
Zwischen den drei Frauen Nurit, Dorothea und meiner Mutter besteht nun seit einigen Monaten ein reger Briefwechsel. Fotos, Lebensbeschreibungen und Erinnerungen werden ausgetauscht.
Das Leben dieser drei Frauen – Kindheit in Jerusalem, London und Berlin und ihre so unterschiedlichen und doch in vielem ähnlichen Lebenswege sollen im Mittelpunkt dieses Features stehen. Ihre im Spätsommer stattfindende erste Begegnung, die damit verbundenen Ängste, Aufregungen, Erwartungen und Fragen möchte ich begleitend dokumentieren. |